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Gegensätze

Eine der Hauptaufgaben unseres Gehirns ist es, unsere Umwelt zu klassifizieren. Im ersten Moment der Klassifizierung eines visuellen Sinneseindruckes ist unser Gehirn nicht besonders penibel: Es unterteilt nach hell oder dunkel, links oder rechts, groß oder klein, dick oder dünn. Das Gehirn unterteilt nach Kontrasten und Gegensätzen: Wir wägen ab zwischen dem einen und dem anderen Extrem. Für jedes Gefühl kennen wir ein Gegengefühl. Unser Denken ist ein antipodisches Denken, ein Denken in Gegensätzen: Nachdem wir die Pole ausgemacht haben, sind wir in der Lage, Verbindungslinien zu ziehen zwischen diesen Extremen, um in den Gradeinteilungen dieser Linien all der Nuancen und Schattierungen bewußt zu werden. Nur das Abwägen von Gegensätzen liefert die effizientesten und brauchbarsten Ergebnisse,- das hat die Evolution erkannt. Nur mit Hilfe von Gegensätzen und Kontrasten ist ein Abwägen und Beurteilen überhaupt erst möglich. Wie könnten wir sonst Entscheidungen oder Auswahlen treffen, wenn wir nicht mindestens einen zweiten Blickwinkel oder Standpunkt hätten? Eine Waage hat immer zwei Schalen; ohne das Gegengewicht wäre kein Wägen möglich.
 
Eine Begleiterscheinung unseres gegensätzlichen Denkens ist es, dass wir sogar dort Gegensätze zu entdecken glauben, wo gar keine sind: Wir empfinden Süß und Sauer als Gegensatz. Nun kann aber streng genommen ein Gefühl, Zustand oder Ding nur einen einzigen Gegensatz haben, und keinen zweiten, sonst wären es ja keine Gegensätze. Zu Süß passt als Gegensatz aber nicht nur Sauer, sondern auch Bitter und Salzig. Welcher dieser drei, Sauer, Bitter oder Salzig, ist der Gegensatz von Süß?
 
Im konkreten Leben fällen wir diese Entscheidung kontextabhängig: Einer Zitrone ordnen wir das Gegensatzpaar Süß/Sauer zu, einer Pampelmuse Süß/Bitter, und keine dieser beiden würden wir mit Süß/Salzig in Verbindung bringen. Diese Einteilung muss nicht unbedingt genau sein, aber sie muss möglich sein, denn durch die Einteilung in Gegensatzpaare fällt uns das Klassifizieren der Dinge leichter. Wir sind von dieser Gegensätzlichkeit derartig abhängig, dass wir der Natur auch da die Schablone der Gegensätzlichkeit aufdrücken, wo im Grunde nur feine Gradunterschiede sind. Es ist leichter für uns, Gegensätze zu denken als Gradunterschiede. Selbstverständlich werden wir uns der Existenz dieser Gradunterschiede bewusst, wir verstehen sie in vollstem Umfang: Das Bewußtwerden dieser Gradunterschiede ist ja nichts anderes als das Ergebnis des Klassifizierungsprozesses. Aber der Mechanismus in unserem Gehirn, der dieses Verständnis ermöglicht, beruht auf dem Empfinden und Abwägen von Gegensätzen.

 
 
 
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