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Nachbilder

Der Grund für das Phänomen der Kontraststeigerung bei Komplementärfarben ist in erster Linie nicht in der Natur der Farben zu suchen, sondern in der Natur unserer Augen: das Auge hat eine Tendenz zur Kontrastverstärkung. Hierzu ein kleines Experiment:
Beim Klick auf den folgenden Verweis öffnet sich ein Fenster mit roter Fläche. Die Fläche sollte ca. mindestens 30 Sekunden lang angestarrt werden, und zwar, ohne die Pupille dabei hin- und herzubewegen.
Wenn Sie Javascript eingeschaltet haben, wird sich 30 Sekunden nach Öffnung des roten Fensters selbsttätig ein weißes Fenster öffnen - andernfalls betätigen Sie den Verweis "weißes Fenster öffnen".
In diesem weißen Fenster starren Sie einige Sekunden auf das kleine Kreuz: Es erscheint ein türkisfarbener Fleck als sogenanntes "negatives Nachbild". Das Nachbild erscheint auch dann, wenn man die Augen schließt und mit den Handflächen abdunkelt. Die Farbe des Nachbildes ist dann etwas dunkler. Der Versuch funktioniert übrigens in einem abgedunkelten Raum am besten:

rotes Fenster öffnen

Umgekehrt würde es genauso funktionieren, beim Fixieren einer türkisfarbenen Fläche erschiene danach eine rote Fläche als negatives Nachbild. Rot aber ist die Komplementärfarbe zu Türkis. Oder um es anders zu formulieren: Diejenige Farbe, die uns bei genügend langer Betrachtung als negatives Nachbild erscheint, ist die Komplementärfarbe zur betrachteten Farbe! Wie es nun genau zu dieser Kontrastverstärkung kommt und warum uns Simultankontraste so gut gefallen, hat die Wissenschaft noch nicht herausgefunden und bleibt auf Spekulationen angewiesen.
 
Eigentlich müssten wir jetzt stutzig werden: Könnte es vielleicht sein, dass unser symmetrischer, auf physikalischer Logik aufgebauter Farbenkreis "nicht stimmt"? Denn nach einem Blick auf den symmetrischen Farbenkreis stellen wir fest: Die Komplementärfarbe von Rot ist laut Farbkreis die Farbe Cyan! Und nicht Türkis. Machen wir noch einen Versuch, diesmal mit Gelb:

gelbes Fenster öffnen

Violett ist es, was wir da als Nachbild erkennen können. Violett ist also die Komplementärfarbe zu Gelb, obwohl es laut Farbkreis Blau hätte sein sollen. Welche Farbe erscheint uns bei Magenta? Sehen wir einmal:

magenta-farbenes Fenster öffnen

Wir sehen als negatives Nachbild die Farbe Grün. Die Komplementärfarbe von Magenta ist also Grün. Erst einmal eine kleine Pause, damit das Nachbild sich auflöst, und dann sehen wir uns die Komplementärfarbe von Orange an:

orangenes Fenster öffnen

Bei reinem Orange sehen wir Cyan als Nachbild, die Komplementärfarbe von Orange ist also reinstes Cyan, und nicht wie auf unserem symmetrischen Farbenkreis eine Sekundärfarbe, die zwischen Cyan und Blau liegt.

"Wir können uns vorstellen, dass unser Auge ganz im Gegenteil das negative Nachbild schon erwartet, um den verfälschten Farbeindruck automatisch korrigieren zu können. Das würde bedeuten, dass das Auge nach Betrachten einer gelben Fläche erwartet, als nächstes eine mit Violett (als negatives Nachbild) leicht überstrahlte Fläche zu sehen. Schauen wir nach Betrachten einer gelben Fläche wirklich auf eine violette Fläche, so würde sich das Auge in seiner Erwartung stark bestätigt sehen. Vielleicht ist dies der Grund, warum wir es mit großem Wohlgefallen sehen, wenn eine gelbe Fläche neben einer violetten Fläche steht."
(Aus: Roman Liedl, Die Pracht der Farben)

"Farbe ist nicht in erster Linie ein physikalisches, sondern psychologisches Phänomen" schrieb der Bauhauslehrer und Maler Josef Albers. Man kann also mit Recht behaupten:

"Beobachtungen sind wichtiger als Gesetze."
Hans Gekeler

Zum Vergleich hier der Farbkreis nach Harald Küppers, der auch von Roman Liedl verwendet wird:

Farbkreis nach Harald Küppers
 
Farbkreis nach Harald Küppers

Die präzisen Farbnamen der Kurzbezeichnungen in Küppers Farbkreis:

Kurzbezeichnung          Präziser Name

Gelb                     Gelb
Lind                     Gelbgrün
Grün                     Grün
Türkis                   Blaugrün
Cyan                     Cyanblau
Blau                     Blau
Violett                  Violettblau
Lila                     Rotviolett
Magenta                  Magentarot
Rot                      Rot
Orange                   Orangerot
Dotter                   Gelborange

Im symmetrischen Farbkreis stehen sich Blau und Gelb gegenüber:

Im Farbkreis nach Küppers jedoch Violett und Gelb. Im symmetrischen sind es Rot und Cyan, bei Küppers jedoch Rot und Türkis!
Daher sollte man später bei der Bestimmung der Harmoniekontraste nach Roman Liedl nicht die symmetrischen Farbkreise hinzuziehen, sondern den mit den Farbwörtern! Dieser harmonische Farbkreis läßt sich auch über die Schnellstart-Seite aufrufen sowie im Color Selector über das Hilfe-Menü. Dort sind neben den Farbwörten auch die zugehörigen Farben dargestellt.
Die effizienteste Möglichkeit, einen Harmoniekontrast zu bestimmen, ist der Color Selector, ein Farbwähler für Harmoniekontraste. Der Vorteil des Color Selectors ist die Anschaulichkeit und die Zeitersparnis: Der Eindruck einer Winkelharmonie kann sofort und unmittelbar beurteilt werden. So erspart sich die Einstellung einer Farbkombination auf einer Webseite, nur um einen Eindruck über deren Wirkung zu bekommen. Der Umgang mit dem Color Selector soll auch bewußt machen, dass Farben gezielt eingesetzt werden können: Entweder als Zweier-, Dreier- oder Vierer-Harmonie, als Auffächerung oder als Farbreihe (diese Begriffe werden im Abschnitt Harmonielehre und Flächendesign erläutert).
 
Das Phänomen der Nachbilder ist auch verantwortlich dafür, dass sich die Wirkung von farbigen Flächen ändert: Wenn eine Webseite aus unharmonischen Farben aufgebaut ist, wird sie nach einer gewissen Zeit noch unharmonischer: Die Nachbilder erscheinen vor dem Hintergrund, und weil es komplementäre Nachbilder sind, sind auch sie unharmonisch.

Beim Klick auf den folgenden Verweis können wir alle bisher besprochenen Farbkreise in einem separaten Fenster miteinander vergleichen:

Farbenkreise im Vergleich

 
 
 
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