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Spannungen

Versuchen wir, uns eine Sequenz von Einzelbildern zu denken, einen Trickfilm, in dem sich die Position der Linien verändert: Der Film beginnt mit einer disharmonischen Grafik und endet mit einer harmonischen. Im Verlauf des Films ändert sich langsam die disharmonische Verteilung der Formen und geht in eine harmonische über. Inmitten dieses Filmes entstehen Einzelbilder, die weder harmonisch noch disharmonisch sind. Diesen Zustand nennt man Spannung.
 
Spannung ist dann gegeben, wenn Ordnung so weit aufgelöst wird, dass sie in Unordnung zu zerbrechen droht. Spannung ist aber auch dann gegeben, wenn die Unordnung so weit aufgelöst wird, dass Ordnung erwartet wird.
Deshalb ist Spannung eine Frage des rechten Maßes. Bei einer Unordnung ist die Disharmonie so stark, dass keine Möglichkeit zu einer Auflösung gesehen werden kann. Deshalb entfällt bei der Disharmonie die Spannung.
 
Nun noch eine letzte Betrachtung zur Harmonie: Wenn wir Ordnung als harmonisch empfinden, so ist es naheliegend zu schlussfolgern, dass absolute Ordnung auch absolut harmonisch sein muss. Absolute Ordnung aber ist Monotonie und Langeweile. "Disharmonie und Monotonie sind Hauptmerkmale qualitativ schlechter Kunst" schreibt Roman Liedl. Wir mögen und brauchen Ordnung, aber wenn diese Ordnung künstlerisch wirken soll, so muss sie etwas Neues bieten, sie muss sich vom Herkömmlichen abheben. Am Beispiel der Musik läßt sich dies vergleichen: Wenn ein neuer Song ein Schlager oder Hit werden soll, so muss er neu sein. Der Aufguss eines Songs, der erfolgreich war, aber gerade die Charts hinab wandert, würde jeden langweilen.
 
Das Kreieren spannungsgeladener Stimmungen ist die beste Möglichkeit, sich vom Herkömmlichen und damit Langweiligen abzuheben. Langweilig nicht etwa deshalb, weil das Herkömmliche von schlechter Qualität ist, sondern weil es uns schlicht und einfach bekannt ist. Wer weiß, wieviele Menschen in der Welt jetzt in diesem Moment einen genialen Einfall haben, aber gleichzeitig das Pech, dass ihre Idee bereits veröffentlicht wurde und daher allen bekannt ist. Moderne Künstler haben es schwer: Ihre Werke werden nur dann, und ausschliesslich dann, als Kunst angesehen, wenn sie Neues zu bieten haben.
 
Wir brauchen uns nur die Kunstwerke bis hin zum Barock und Rokoko anzuschauen: Damals gab es noch keine "Abstrakte Kunst". Einfache "Kopien" der Realität mit Pinsel und Ölfarbe genügten, handwerkliches Geschick vorausgesetzt, um als Kunstwerke akzeptiert zu werden. Deshalb ist heutzutage die Versuchung groß, die Spannung hart an der Grenze zu halten. Kein Moderner Künstler veröffentlicht Kunstwerke ohne eine gehörige Portion Spannung. Im Jahr 2000 haben einige Scherzkekse aus der Medienecke "Explosiv" und "Brisant" einem Affen Pinsel und Farbe in die Hand gedrückt und diesen Affen auf eine Leinwand pinseln lassen. Die Produkte dieser Affenkunst wurden auf einer angesehenen Kunstmesse präsentiert, etikettiert mit sehr stattlichen Preisen. Die tatsächliche Herkunft der Kunstwerke wurde verschwiegen und ein neues Talent angepriesen. Selbst Fachleute und Kritiker haben auf die Frage, was der Künstler wohl auszudrücken versucht hat, tiefgängige Interpretationen gefunden.
 
Wenn eine Idee bereits da war, dann war sie eben schon da: Dies sollte kein Grund sein, Schmierereien als Moderne Kunst zu verkaufen. Wir Modernen müssen halt damit leben, dass unsere Ahnen ihren Ideen Ausdruck verliehen hatten und heutzutage nicht mehr so viel Neues kommen kann. Deren Werke sollten wir zum Gegenstand unseres Bedürfnisses nach Kunst machen. Wenn wir Neues aufnehmen in den Kreis unserer Kultur, dann sollte es schon einer Aufnahme wert sein. Je moderner die Zeit wird, desto mehr nimmt die Qualität in der Kunst ab. Ein Hineinquetschen von Kompositionen, nah am Rande des Erträglichen, bloß weil sie neu sind, bloß weil sie noch nicht da waren, kreiert von jemandem, der verkrampft und unbedingt etwas Noch-Nicht-Dagewesenes produzieren wollte, um sein infantiles Ego mit einem "Ich Auch" zu polieren, gefördert von einem materialistisch orientierten und gut eingespielten Kommerz-Apparat, der zu allererst nicht das Kunstwerk sieht, sondern die marketingstrategischen Absatzmöglichkeiten - das würde von schlechtem Geschmack zeugen und die anderen Werke beleidigen. Wir sollten uns mehr auf die Feinheiten konzentrieren,- hier gibt es auch heute noch Neues zu entdecken, auch wenn der erste Gesamteindruck Bekanntes vorgaukelt.

 
 
 
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